NINA HALPERN

THEATERPÄDAGOGIN

 

Stiersaldvätterwee
Luzerner Theater
Regieassistenz / Choreografie

Inszenierung: Samuel Zumbühl                      

Musik: Greis und Apfelböck

Text: Guy Kretna

Dramaturgie: Carmen Bach

Regieassistenz: Nina Halpern

Licht:Bruno Gisler

 

Texte der Spielerinnen und Spieler

 

"Stiersaldvätterwee ist für mich ein Wort und 19 Buchstaben. Rückwärts heißt es Eewrettävdlasreits. Es bedeutet für mich Chaos und Ordnung zugleich. Minutenlanges Gelächter, kreative Köpfe und ein großes Stimmengewirr. Es ist alles und zugleich nichts. Es bedeutet für mich Theaterluft, neue Menschen und lange Nächte. Ich will dir von mir erzählen. Du suchst eine Person mit einer speziellen Ausstrahlung? Ich muss dich leider enttäuschen, ich verstecke die meinige sehr gerne. Andersdenkend? Ich weiß es nicht. Vielleicht denkt ja jeder, dass er etwas Anderes denkt als der Andere. Verrückt? Wenn du mich fragst, immer gern und zu jeder Zeit. Eigentlich konstant." (I.V.)

 

"Eine ständige Jagd nach Gefühl. Nach Liedern, die gemeinsam gesungen werden. Nach Empörung. Hingabe. Nach ein bisschen Spaß im Alltag. Rechenschaft vor dem Gewöhnlichen abzulegen. Nach Wahnsinn. Jugendlicher Zuversicht. Nach einer Sache, für die es sich lohnt zu kämpfen. Nach Vorsätzen, die sich nicht in Luft auflösen. Nach Konsequenz. Nach einem Morgen danach. Nach dem passenden Ausdruck. Die Jagd nach einem Selbst, das die Liebe übersteht. Etwas, das bleibt. Ich bin nicht allzu zielorientiert, aber doch anspruchsvoll, nicht zu ernst, aber tiefgründig, kumpelhaft und doch sexy. Ich war schon mal genau da, wo ich jetzt bin. Ich werde irgendwann, inmitten der Schnappschüsse, das Leben erwischen. Ich bin mehr die, die das Glück portionenweisse fressen würde. Ich bin nicht die, die diesen Winter als speziell deprimierend empfand." (J.S.)

 

"Für Stiersaldvätterwee nehme man 100g Kreativität, 50ml Enthusiasmus, 3 Teelöffel Selbstzerstörungstrieb und eine Prise Ironie. Ich bin mehr der Typ, der zuerst den Schaum von der heißen Schokolade löffelt, der auf der Straße laut singt und sich dann ertappt fühlt, und der jedem Menschen ein Lächeln abgewinnen kann. Ich bin ein fennoskandischer, figurbewusster Firlefanz." (V.S.)

 

"In meinem nächsten Leben werde ich die Stimme des Windes sein, der Reiseweg der Gedanken durch den Himmel. Das Lied vom Wind regt alles von Form zum Mitsingen an. Sowie auch Stiersaldvätterwee mitsummen wird, ohne Zunge, ohne Zähne, nackt, als einzige Bekleidung dient die Kreativität seines Geistes." (L.B.)

"Ich bin mehr die, die die Kirsche auf der Torte will. Ich bin weniger die, die die Kirsche ohne Torte will." ( K.B.)


Rezension in der Neuen Luzerner Zeitung

10.05.13

 

Das Lied ist voller Liebeskummer und so traurig, dass man die fragile Verlassenheit des Mädchens förmlich spürt. Da sitzt sie auf einer Theaterkiste und begleitet sich mit der Gitarre. Im nächsten Moment sind 15 Jugendliche auf der Bühne und beginnen SMS-Botschaften zu rezitieren, inklusive Satzzeichen, Komma, und kommst du noch in die Bar 59, Fragezeichen, und die Sätze fliegen durcheinander, werden Sound-Salven, ein einziger Wortschwall. Und schon ist man eingestiegen in einen theatermäßig inszenierten Spoken-Word-Abend, der die Welt von heutigen Jugendlichen so fragmentarisch wie stringent in den Fokus rückt. "Stiersaldvätterwee" ist ein "sagenhaft"-Projekt, das durch die Zusammenarbeit des Luzerner Theaters mit dem Voralpentheater Luzern realisiert werden konnte. Die Premiere im Theaterpavillon Luzern bot guten Witz und viel frische Jugendlichkeit und zeugte von einer erstaunlichen Leistung der Beteiligten.

 

Jugendliche aus fünf Kantonen haben Texte geschrieben, die von Guy Krneta (Autor/Schreibcoach) in Form gebracht, neu zusammenmontiert und von Samuel Zumbühl (Regie) inszeniert wurden. Mit der Dramaturgie von Carmen Bach und Ulf Frötzschner (Luzerner Theater) und dem sprachrhythmischen Coaching von Rapper Greis gelang ein Stück, bei dem man den theaterpädagogischen Apparat bald mal vergaß.

 

In verschiedenen Konstellationen wurden die sprunghaften Befindlichkeiten der Jugendlichen variiert und sprachwitzig durchdekliniert. Liebe, Tod, Kummer, Party, Träume, Weltschmerz, Flirt, Saufen, Altkluges und Romantisches: Alles kam ins Spiel, wurde kurz angetippt, mal erzählt, mal geflüstert, aber immer wieder prominent und selbstbewusst proklamiert. Das Stück gibt ein Stimmungsbild der jugendlichen Freuden und Nöte von heute, ist gleichzeitig aber auch ein feines Beispiel dafür, wie viel Potenzial im Miteinander von Spoken Word und Theater noch liegt.


Premiere: 8. Mai 2013

Aufführungsort: Theaterpavillon, Luzern