NINA HALPERN

THEATERPÄDAGOGIN

 

Lilli und Marleen
Sek 9a Schule Otelfingen
Regie

Text / Produktion: Achim Lück

Inszenierung: Nina Halpern

Musikalische Leitung: Guido Arnet

Bühnenbild: Katharina Sigrist

Kostüme: Helena Waltert

Licht: Markus Güdel

Ton: Andreas Brüll

Schauspiel: Joël Kohler, Remo Müller, Sabine Fehr, Kamil Krejci, Tanja Lehmann, Jessica Matzig, Katrhin Veith, Schüler der Klasse 9a


Tagesanzeiger.ch

30.5.2014

 

Das von Lale Andersen gesungene Chanson «Lili Marleen» wird zum Ausgangspunkt einer speziellen Geschichtslektion, in der für einmal die Frauen die Heldinnen sind.

 

Wenn Sie nicht mehr ganz jung sind, werden Sie nun in Gedanken eine Melodie vor sich hin summen, die Ihnen den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf geht.

Vor der Kaserne

Vor dem grossen Tor

Stand eine Laterne

Und steht sie noch davor…

Das von Lale Andersen gesungene Chanson «Lili Marleen», im August 1939 auf Schallplatte aufgenommen, wurde zum ersten Millionenhit der deutschen Geschichte – trotz zeitweiligem Verbot durch das NS-Regime wegen seines «morbid-depressiven» Textes und des «wehrkraftzersetzenden» Inhalts.

Im Singsaal des Oberstufenschulhauses Unteres Furttal steht ein 16-jähriges Mädchen und singt mit souliger Stimme...

My love for you renews my might

I’m warm again, my pack is light

It’s you, Lili Marlene

It’s you, Lili Marlene

Anna Renevey übt zusammen mit Kameraden der Klasse 9a für die Abschlussvorstellung ihres Geschichtsprojektes, das gewissermassen auch das Ende ihrer Schulzeit bedeutet. Sie führen gemeinsam mit Profi-Schauspielern und Musikern ein Theaterstück auf, in dem es um Krieg und Liebe, um Angst und Hoffnung, um Abschied und Sehnsucht geht: Lilli und Marlene. Und zwar nicht in irgendeinem Singsaal der Region, sondern im Kurtheater Baden.

 

Wider das Vergessen

Geschrieben hat das Stück der Geschichtslehrer der Klasse, Achim Lück. Es ist klingender und gespielter Geschichtsunterricht. Und gleichzeitig ein reales Stück heutigen Schülerlebens. Im Rahmen des Geschichtsunterrichts musste sich die Klasse 9a ein Projekt zum Lied «Lili Marleen» ausdenken. Sie entschied sich für ein Theaterstück. Der Weg dazu erscheint nun als Stück im Stück. Die Jugendlichen spielen sich selbst, Profi-Schauspieler übernehmen die fiktiven Rollen.

Lück weiss wohl, dass es sich melodramatisch anhört, wenn er sagt: «Ich schreibe wider das Vergessen.» Er ist offensichtlich ein beseelter Geschichtslehrer. « Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, vor 75 der Zweite. Das ist doch gar nicht so lange her? Und doch ist es schwierig, diesen Stoff den jungen Leuten nahe zu bringen.»

Lück hat bereits letztes Jahr mit der Abschlussklasse ein Stück aufgeführt. Damals war das Thema der Holocaust. Es brachte ihm den Biglerpreis ein, der wertvolle Projekte auszeichnet, die sich mit den Ursachen und Folgen von Antisemitismus und Rassismus befassen.

Die «Lili Marleen» ist ein Bindeglied zwischen den beiden grossen Kriegen: Der Ur-Text wurde bereits 1915 verfasst. Der Hamburger Lehrer Hans Leip schrieb ihn, während er als Füsilier vor der Kaserne in der Berliner Chausseestrasse Wache schob. Mit dem Marschbefehl für die russische Front im Sack. Es heisst, er soll sich dabei tatsächlich an zwei Frauen erinnert haben, Lili und Marleen.

Berühmt wurde das Stück aber erst durch die 1937 von Norbert Schultze komponierte Liedfassung. Schultze erwarb sich danach als Komponist von Soldaten- und Propagandaliedern für das NS-Regime einen zweifelhaften Ruf.

 

Geliebte Lilli, Witwe Marlene

Lück erzählt im Stück «Lilli und Marlene» auch ein bisschen seine eigene Familiengeschichte. Seine Grossmutter gehörte zu den «Trümmerfrauen», die im zerbombten München um das nackte Überleben kämpfte. Sie erzählte ihm manchmal, wie sie ihre Kinder mutterseelenallein durch zwei Kriege bringen musste, weil ihr Mann an der Front war. Und auch davon, wie im Dritten Reich die braune Front mitten durch ihre Familie ging. Ihre Schwester war eine glühenden Anhängerin Hitlers. Sie selbst wollte nichts von den Nazis wissen, ihr Mann war Mitglied der Bekennenden Kirche.

Der Enkel, Achim Lück, erzählt in seinem Stück also auch die Geschichte dieser beiden Schwestern, wenn Lilli den Krieg als die Hölle auf Erden empfindet, Marlene ihn als heldenhaften Kampf fürs Vaterland sehen will.

 

Propaganda mit petite Gilberte

Genau besehen ist Lücks Stück tatsächlich eine Heldengeschichte. Er stellt Frauen wie seine Grossmutter ins Licht der Geschichte. «Sie haben, während ihre Männer in einem sinnlosen Krieg waren, zu Hause den Karren am Laufen gehalten, und hatten vor Ende des ersten Weltkrieges nicht einmal das Stimmrecht.» Und nun wird er richtig wütend, klopft mit der flachen Hand auf den Tisch, so dass die Frauen am Nebentisch zusammenzucken. «Darüber findet man in den Geschichtsbüchern nichts.»

Béatrice Ziegler, Titularprofessorin für Geschichte an der Universität Zürich und C-Leiterin des Zentrums für Demokratie Aarau, sieht das genauso. In einer vor kurzem unter dem Titel «Der vergessene Krieg» erschienenen Buch (Hier+Jetzt Verlag, Baden 2014) werden unter anderem frauenbezogene Aspekte des Ersten Weltkrieges aufgearbeitet. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie das Engagement von Frauen im Ersten Weltkrieg umgedeutet und ausgeblendet worden sind.

Ziegler kommt dabei auch auf Gilberte Montavon, Kellnerin im Hôtel de la Gare in Courgenay zu sprechen, die während des Ersten Weltkriegs bei den dort stationierten Grenztruppen umschwärmt wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde «la petite Gilberte» im Zuge der Geistigen Landesverteidigung – und mit Rückgriff auf ein bereits 1917 komponiertes Lied – zur Soldatenmutter der Nation herauf stilisiert. Die Frau als liebevoll dienendes Wesen. Mit der damaligen harten Realität hat das nichts zu tun.

 

Das Lied rettete Lale Andersen vor dem KZ

Doch zurück zu Lilli und Marlene: Wie wurde das Chanson zum Angelpunkt des Drehbuches? Eines Tages hörte Lück fast zufällig, wie seine Schülerin Anna Reveney auf dem Klavier die «Lili Marlene» spielte. Rockiger zwar, und mit englischem Text, doch unverkennbar das alte Lied. Da wusste er, dass daraus etwas werden kann, das die Generationen verbindet.

Anna Reveney schrieb, unbewusst wohl, die Geschichte des Liedes weiter. Bis heute sind mehr als 150 Versionen des Stückes bekannt. Es wurde im Zweiten Weltkrieg, verbreitet durch den «Soldatensender Belgrad», zum Inbegriff des Lebensgefühls der Soldaten hüben und drüben.

Und es rettete Lale Andersen vor dem Konzentrationslager: Da sie trotz Verbot mit Schweizer Juden korrespondierte, erliess Reichspropagandaminister Goebbels ein Auftrittsverbot gegen sie, woraufhin der britische Radiosender BBC vermutete, sie befinde sich wohl im Konzentrationslager. Tatsächlich war die Deportation zwar beschlossen, aber noch nicht angeordnet. Da machte Goebbels einen Rückzieher, da er sich solche Schlagzeilen nicht leisten konnte – nicht zuletzt vor dem eigenen Volk.

 

Hitlers Verdienstkreuz für den Dichter

Die Antifaschistin Marlene Dietrich machte das Chanson als «My Lilli of the Lamplight» auch unter den amerikanischen Soldaten zum Ohrwurm. Später wird General Eisenhower sagen, der Dichter des «Lampenliedes», Hans Leip, sei der einzige Deutsche gewesen, der während des Krieges der ganzen Welt Freude gemacht habe.

Nachtrag: Hans Leip kam 1917 verwundet von der Ostfront zurück. Er wurde Dichter und Grafiker und erhielt am 1. September 1942 von Adolf Hitler das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse verliehen, weil er im besetzten Gebiet und im Frontbereich « unermüdlich als Werber der grossen Ostidee des Reiches» tätig sei. Seinen Lebensabend verbrachte Leip im Thurgauischen Fruthwilen, wo er 1983 starb. Ob er Lili Marleen je wieder gesehen hat, ist nirgends verzeichnet.

 

Lilli und Marlene, Text: Achim Lück, Regie: Nina Halpern, 19. Juni im Kurtheater Baden, 20 Uhr. Vorverkauf: Info Baden 056 200 84 84.

 

Von Hélène Arnet